Automarkt66 Magazin

Rolls-Royce Spectre Series II: Wenn elektrische Ruhe zum Luxus wird

Der Spectre war schon bisher ein ungewöhnlicher Rolls-Royce. Nicht weil er versucht hat, alles anders zu machen, sondern weil der Elektroantrieb erstaunlich gut zu dem passt, wofür die Marke seit Jahrzehnten steht: Ruhe, mühelose Kraft und ein Fahrgefühl, bei dem möglichst wenig zwischen Fahrer und Komfort steht.

Mit dem Spectre Series II wird dieses Konzept weiterentwickelt. Die Reichweite steigt, die Ladezeiten sinken und im Innenraum kommen neue Materialien und Lichtdetails hinzu. Gleichzeitig bleibt die Grundform fast unangetastet.

Genau das gefällt mir an dem Auto. Rolls-Royce hat nicht versucht, aus dem Spectre plötzlich ein futuristisches Experiment zu machen. Er bleibt ein großes, elegantes Coupé – nur technisch moderner als zuvor.

Rolls-Royce Spectre Series II bei Fahrt auf einer Küstenstraße
Quelle: Link

Ein Elektroauto, das nicht wie ein Elektroauto aussehen muss

Von außen fällt zuerst auf, wie klassisch die Proportionen geblieben sind. Die Motorhaube wirkt lang, die Seitenflächen bleiben ruhig und das Dach läuft flach in ein Fastback-Heck aus.

Der Spectre Series II behält genau diese Form bei. Auch die geteilten Scheinwerfer und die großen, klaren Flächen bleiben Teil des Designs. Rolls-Royce verändert also nicht das Grundkonzept, sondern verfeinert Details.

Rolls-Royce Spectre Series II in seitlicher Studioansicht
Quelle: Link

Gerade die Seitenansicht zeigt, warum das funktioniert. Der Spectre sieht nicht nach einem Auto aus, das in ein paar Jahren zwangsläufig alt wirken muss. Es gibt keine wilden Falten, keine künstlichen Aero-Elemente und keine Formen, die nur deshalb da sind, weil ein Elektroauto unbedingt anders aussehen soll.

Stattdessen wirkt die Karosserie sehr ruhig. Und genau diese Ruhe passt zu einem Rolls-Royce.

Der Pantheon-Grill bleibt das Gesicht des Autos

Auch ohne Verbrennungsmotor bleibt der große Pantheon-Grill vorne erhalten.

Technisch wäre ein Elektroauto natürlich nicht auf einen solchen Kühlergrill angewiesen. Beim Spectre ist er aber längst mehr als eine reine Kühlöffnung. Er gehört zur Identität des Autos.

Front des Rolls-Royce Spectre Series II mit Pantheon-Grill
Quelle: Link

Zusammen mit den schmalen oberen Leuchten entsteht eine Front, die sofort nach Rolls-Royce aussieht. Besonders interessant ist dabei, dass die Karosserie insgesamt sehr glatt bleibt. Der Grill darf groß sein, weil rundherum kaum etwas um Aufmerksamkeit kämpft.

Gerade bei einem Auto dieser Größe funktioniert das erstaunlich gut.

442 kW – aber Leistung ist hier nicht die eigentliche Show

Der normale Spectre Series II leistet 442 kW, also rund 601 PS, und liefert 1.015 Nm Drehmoment.

Das klingt bereits nach Sportwagenwerten. Trotzdem fühlt sich die Leistungsangabe bei einem Rolls-Royce anders an. Hier soll die Kraft nicht brutal wirken. Sie soll einfach jederzeit vorhanden sein.

Quelle: https://www.press.rolls-roycemotorcars.com/rolls-royce-motor-cars-pressclub/photo/compilation/T0458258EN/rolls-royce-presents-spectre-series-ii:-the-relentless-pursuit-of-perfection-continues
Quelle: Link

Genau da spielt der Elektroantrieb seine Stärke aus. Kein Hochdrehen, kein Schaltvorgang, kein Warten auf den richtigen Gang. Das Drehmoment steht sofort bereit.

Beim Beschleunigen soll deshalb nicht zuerst Drama entstehen, sondern Souveränität.

Und genau das passt perfekt zur Marke. Rolls-Royce beschreibt den Spectre bewusst über Stille, Mühelosigkeit und reichlich verfügbare Leistung.

Bis zu 628 Kilometer Reichweite

Beim Series II wurde die Batterie- und Antriebstechnik überarbeitet. Je nach Konfiguration liegt die WLTP-Reichweite jetzt zwischen 582 und 628 Kilometern.

Damit schafft der Spectre Series II laut Rolls-Royce bis zu 18 Prozent mehr Reichweite als zuvor. Der kombinierte Stromverbrauch liegt je nach Ausführung bei etwa 20,2 bis 21,7 kWh pro 100 Kilometer.

Rolls-Royce Spectre Series II auf einer Küstenstraße mit Meerblick
Quelle: Link

Gerade bei einem Luxus-Grand-Tourer ist das wichtiger als irgendein Rekordwert auf dem Datenblatt.

Ein Spectre soll nicht nur zwischen Hotel, Innenstadt und Garage fahren. Er soll auch lange Strecken entspannt zurücklegen können. Mehr Reichweite bedeutet deshalb vor allem: weniger Gedanken ans Laden und mehr Zeit im Auto.

Auch beim Laden wurde nachgebessert

Beim Series II hat Rolls-Royce die Ladezeiten um bis zu 14 Prozent reduziert. Die Marke nennt für den Spectre weiterhin eine maximale DC-Ladeleistung von 195 kW; unter optimalen Bedingungen waren beim bisherigen Spectre 10 bis 80 Prozent in rund 34 Minuten möglich. Für den Series II hebt Rolls-Royce vor allem die verkürzte Ladezeit hervor.

Für den Alltag empfiehlt Rolls-Royce außerdem, den Akku normalerweise bis 80 Prozent zu laden und für längere Strecken auf 100 Prozent zu gehen. AC-Laden ist mit bis zu 22 kW möglich.

Das klingt nicht spektakulär. Aber genau das ist bei einem Auto wie diesem wahrscheinlich der richtige Ansatz.

Laden soll kein Event sein. Es soll möglichst wenig stören.

Vielleicht passt Elektro zu keiner Marke besser

Bei vielen Sportwagen fehlt einem bei Elektro vielleicht irgendwann der Motorsound.

Beim Rolls-Royce ist die Situation fast umgekehrt.

Ruhe war hier schon immer Teil des Produkts. Ein Rolls-Royce sollte möglichst wenig Vibrationen und Anstrengung in den Innenraum weitergeben. Genau deshalb passt ein leiser Elektroantrieb so gut zur Grundidee.

Rolls-Royce Spectre Series II auf ruhiger Landstraße bei Sonnenuntergang
Quelle: Link

Beim ursprünglichen Spectre nutzte Rolls-Royce sogar die große Batterie zusätzlich als Teil der Geräuschdämmung. Durch ihre Platzierung im Unterboden trägt sie laut Hersteller erheblich dazu bei, den Innenraum von Geräuschen abzuschirmen.

Man fährt also nicht elektrisch, weil das Auto damit zwangsläufig futuristischer wirken soll.

Man fährt elektrisch, weil es den Rolls-Royce-Charakter noch konsequenter machen kann.

Komfort bedeutet, dass die Technik möglichst unsichtbar arbeitet

Ein luxuriöser Innenraum bringt wenig, wenn das Fahrwerk jede schlechte Straße direkt weitergibt.

Deshalb ist der Spectre technisch darauf ausgelegt, Unebenheiten möglichst ruhig zu verarbeiten.

Das Planar-Fahrwerk kann auf gerader Strecke die Stabilisatoren entkoppeln. Dadurch können einzelne Räder unabhängiger auf Unebenheiten reagieren. Nähert sich eine Kurve, werden Fahrwerk, Dämpfer und Allradlenkung wieder vorbereitet.

Das klingt technisch kompliziert. Beim Fahren soll man davon aber möglichst wenig merken.

Genau das ist eigentlich guter Luxus: Die Systeme arbeiten ständig im Hintergrund, aber der Fahrer bekommt am Ende nur das Ergebnis mit.

Ruhe.

Innen bleibt es ein Rolls-Royce

Im Innenraum wird besonders deutlich, dass Rolls-Royce Digitalisierung anders interpretiert als viele andere Hersteller.

Man sieht Displays und moderne Technik. Gleichzeitig bleiben klassische Elemente wie Holz, Metall, Leder und die typische horizontale Gestaltung des Armaturenbretts erhalten.

Innenraum des Rolls-Royce Spectre Series II mit Dashboard und Holzverkleidung
Quelle: Link

Das Cockpit wirkt dadurch nicht wie ein großer Computerarbeitsplatz.

Es fühlt sich weiterhin nach einem klassischen Luxusauto an.

Gerade das finde ich beim Spectre interessant. Die Technik ist da, aber sie versucht nicht, jede Oberfläche zu übernehmen.

8.108 Lichtpunkte ziehen sich durch das Armaturenbrett

Beim Spectre Series II bekommt die beleuchtete Fascia einen neuen Look.

Das Lichtmuster besteht aus 8.108 einzelnen Lichtpunkten. Sie erzeugen eine wellenartige Grafik, die sich über das Armaturenbrett zieht. Rolls-Royce ließ sich dabei von Nebel über den South Downs nahe Goodwood inspirieren.

Beleuchtete Spectre-Fascia im Innenraum des Rolls-Royce Spectre Series II
Quelle: Link

Das ist genau diese Art Detail, bei der Rolls-Royce völlig übertreibt – aber auf eine ziemlich schöne Weise.

Man hätte einfach eine normale Ambientebeleuchtung einbauen können.

Stattdessen entstehen Tausende einzelne Lichtpunkte, damit eine Fläche nachts genau die richtige Atmosphäre bekommt.

Das braucht niemand.

Aber genau deshalb ist es irgendwie passend.

Selbst die Uhr bekommt ihren eigenen Auftritt

Auch die Uhr wurde beim Series II neu gestaltet.

Das Design orientiert sich an präzisen Instrumenten aus der Luftfahrt. Direkt daneben sitzt eine kleine beleuchtete Spirit of Ecstasy aus massivem Edelstahl in einer eigenen Vitrine.

Uhr und Spirit of Ecstasy im Innenraum des Rolls-Royce Spectre Series II
Quelle: Link

Das ist eines dieser Details, die man wahrscheinlich erst beim zweiten oder dritten Blick richtig wahrnimmt.

Und genau darin liegt ein großer Teil des Reizes.

Der Innenraum versucht nicht, mit einem einzigen riesigen Effekt zu beeindrucken. Stattdessen findet man überall kleine Dinge, die deutlich aufwendiger gemacht wurden, als sie eigentlich sein müssten.

Materialien, bei denen andere Hersteller längst aufgehört hätten

Beim Spectre Series II erweitert Rolls-Royce die Auswahl an Materialien deutlich.

Neu ist unter anderem Duality Twill, ein Rayon-Gewebe auf Bambusbasis. Je nach Ausführung können darin bis zu 2,6 Millionen Stiche stecken. Dafür werden bis zu rund 16 Kilometer Garn verarbeitet, und die Fertigung kann bis zu 25 Stunden dauern.

Außerdem gibt es Placed Perforation für die Sitze. Das Muster besteht aus bis zu 78.138 einzelnen Perforationen in drei verschiedenen Größen.

Auch das neue Brindled-Walnut-Holz bekommt eine besondere Behandlung. In den Lack werden feine Glaspartikel eingebracht, damit die Oberfläche je nach Licht einen zusätzlichen Tiefeneffekt bekommt.

Bei einem normalen Auto wäre das völlig absurd.

Bei einem Rolls-Royce erwartet man fast schon, dass jemand beschlossen hat, mehrere Millionen Stiche in einen Innenraum zu setzen.

Luxus bedeutet vor allem, sich wohlzufühlen

Am Ende helfen die beeindruckendsten Zahlen nichts, wenn man nach zwei Stunden aus dem Auto aussteigen möchte.

Genau deshalb sind die großen Sitze, die dicken Polster, die weichen Materialien und die ruhige Gestaltung so wichtig.

Luxuriöser Innenraum des Rolls-Royce Spectre Series II mit geöffnetem Coach Door
Quelle: Link

Der Spectre soll weniger wie ein technisches Produkt wirken und mehr wie ein Raum, in dem man sich gern aufhält.

Man sitzt tief, hat breite Sitze um sich herum und blickt auf Oberflächen, bei denen fast nichts billig oder hektisch wirkt.

Dazu kommt die Stille des Elektroantriebs.

Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem man versteht, warum Elektro bei Rolls-Royce so gut funktioniert: Nicht weil die Technik neu ist, sondern weil sie das Wohlfühlen unterstützt.

Der Black Badge zeigt die andere Seite des Spectre

Wer es weniger zurückhaltend möchte, bekommt den Spectre Series II auch als Black Badge.

Dann steigt die Leistung im Infinity Mode auf 500 kW, also rund 680 PS. Im Spirited Mode stehen bis zu 1.100 Nm Drehmoment zur Verfügung. Damit ist der Black Badge Spectre Series II der stärkste Rolls-Royce, den die Marke bisher gebaut hat.

Rolls-Royce Black Badge Spectre Series II in heller Lackierung im Studio
Quelle: Link

Optisch wird das Ganze ebenfalls aggressiver. Beim neuen Iced Black Exterior Detailing bekommen große Teile der normalerweise glänzenden Außenverzierungen eine matte Oberfläche. Dazu kommen eigene Räder und dunklere Details.

Interessant ist aber, dass selbst hier das Grundkonzept nicht verloren geht.

Der Black Badge wird sportlicher.

Er wird aber nicht plötzlich zum kompromisslosen Sportwagen.

Elektrisch, aber trotzdem ganz klar Rolls-Royce

Der Spectre Series II ist wahrscheinlich eines der besten Beispiele dafür, dass Elektroautos nicht alle gleich aussehen oder sich gleich anfühlen müssen.

Der Antrieb verändert das Auto.

Aber er verändert nicht seine Identität.

Rolls-Royce Spectre Series II bei Sonnenuntergang auf einer Küstenstraße
Quelle: Link

Die lange Motorhaube bleibt. Der Pantheon-Grill bleibt. Das Fastback bleibt. Holz, Metall, Licht und aufwendig verarbeitete Stoffe bleiben ebenfalls.

Neu sind mehr Reichweite, kürzere Ladezeiten und noch mehr Möglichkeiten zur Individualisierung.

Und genau deshalb wirkt der Spectre Series II nicht wie ein Rolls-Royce, dem man nachträglich einen Elektroantrieb eingebaut hat.

Er wirkt eher wie ein Auto, für das dieser Antrieb schon immer erstaunlich gut gepasst hätte.

Denn wenn eine Marke für Ruhe, mühelose Kraft und Komfort steht, dann ist ein nahezu lautloser Antrieb mit sofort verfügbarem Drehmoment eigentlich ziemlich logisch.

Vielleicht ist genau das das Spannendste am Spectre Series II:

Er fühlt sich modern an, ohne seine Tradition wegwerfen zu müssen.

Und bei einem Rolls-Royce ist das wahrscheinlich der größte Luxus überhaupt.